Römisches Reiterkastell in Aalen

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Wer sich heute vom Ortskern Aalens nähernd auf dem Weg zum ehemaligen Reiterkastell begibt, wird wahrscheinlich an jenem Friedhof vorbeikommen, unter dem noch die größten Teile der römischen Anlage vermutet werden. Durch einen makabren Zufall der Geschichte bewachen die Verblichenen der Neuzeit wohl auf ewig die untergegangenen Mauern ihrer frühen Siedlungsvorgänger.

Um so lebendiger ist dafür der Inhalt im Kastellmuseum. Sollte man gerade während der Mittagspause eintreffen, kann man die Zeit nutzen, die freigelegte Grundrisse des Stabsgebäudes zu erforschen, da dafür kein Obolus entrichtet werden muss. Von einer kleinen Anhöhe überblickt man nicht nur das Ausgrabungsgelände sondern auch genau jene Taleinschnitte der Aal, des Kochers und der Rems die von diesem Punkt aus kontrolliert werden sollten. Obwohl die freigelegte Anlage schon sehr groß wirkt, handelt es sich doch nur um das Stabsgebäude des Kastells. Das lässt ungefähr ahnen, wie groß diese Anlage einmal gewesen sein muss. Besonders schön erkennbar das so genannte Fahnenheiligtum, wo die Truppen dem Kaiser huldigten und ihre Truppenabzeichen aufbewahrten.

Einen sehr eindrucksvolle Spur auf römische „Traditionen“ findet sich auf ein paar Steintafeln vor dem Fahnenheiligtum wo die Erbauer und Erneuerer des Kastells gewürdigt werden. Dabei fallen unübersehbar Stellen auf, wo Namen nachträglich herausgemeißelt wurden. Dies lässt sich auf Versuche mancher Kaiser zurückführen, einen verhassten Vorgänger im Nachhinein „verschwinden“ zu lassen.

Was natürlich sofort auffällt ist die Rekonstruktion eines Baukrans, der auf der anderen Seite der Ausgrabungen platziert wurde. Der Kran wurde auf Grund von Darstellungen auf einem Grabstein gebaut. Wer auf die Plattform aus Holz steigt, kann sich auch mal ansehen wie sich die Mauern damals zusammengesetzt haben. Die Bedienung des Kranes erfolgt dadurch, dass zwei Personen in das Laufrad steigen und durch kräftiges Treten die Last nach oben heben. Zwei kräftige menschliche Hamster können auf diese Art und Weise bis zu eine Tonne heben.

Nun aber zum Museum selbst. Der Eingang zum Museumsgebäude wurde sinnigerweise hinter dem großen Nordtor angelegt, dessen konservierten Fundamente ahnen lassen, wie groß die lichten Öffnungen in solchen Toren früher waren. Im Museum eröffnen dann zwei durch große Glasflächen Licht durchflutete Geschosse den Blick auf die alten Römer. Auffallend die vielen Landkarten die dem Besucher helfen nachzuvollziehen wo man sich eigentlich gerade befindet wenn man über das eine Exponat oder den anderen Feldzug nachdenkt.

Doch bevor der erwartungsvolle Besucher überhaupt in einen der Gänge einschwenkt wird er schon magisch von einer Senke angezogen, wo in einer großen Vitrine die Überreste eines Pferdes liegen. Das erinnert doch gleich an die Funktion des Kastells, das der Standort einer Reitereinheit war. Konkret war es die Ala II Flavia, deren Lebensweise noch heute von einer Gruppe Archäologen nachempfunden wird.

In den nächsten Vitrinen wird man dann schrittweise in alle Aspekte den römischen Lebens am Limes eingeweiht. Dabei vergessen die Gestalter nicht aus darzulegen wie die Forscher zu den einzelnen Schlüssen gekommen sind. Eine sehr sinnvolle Vorgangsweise, die dem Besucher hilft die Arbeitsweise der Archäologen zu verstehen. So wird von einem Brunnen berichtet wo sich eine Menge Schuhe aus römischen Zeiten finden ließen, die die jetzt dem erstaunten Besucher einen Einblick in die Schuhmode jener Zeiten vermitteln. Wie die Schuhe in den Brunnen kamen? Nun, man vermutet, dass man den Brunnen mit Hilfe von Müll unbrauchbar machen wollte und da waren eben auch ganz viele Schuhe dabei. Allerdings lag die vergiftende Wirkung weniger im Schweißgeruch der Soldatenlatschen als vielmehr in Tierexkrementen, die sich ebenfalls im Müll befanden.

In einem anderen Teil des Museum zeigen Schautafeln wie es sich die Römer mit dem Limes so gedacht haben. Anhand von zahlreichen Skizzen und einem großen Holzmodell erkennt der Hobbystratege unter den Besuchern sofort wie die Römer mit Hilfe von verschiedenen Truppenteilen den Germanen die Ausflüge über den Limes so gründlich vermiesen wollten. Für Freunde von Details ist auch das Modell eines Wachturms zu sehen.

Apropos Schautafeln. Gerade diese Tafeln helfen dem interessierten Besucher Zusammenhänge zu erkennen, die man wohl sonst nicht für vorstellbar gehalten hätte. So verfolgt man mit dem Finger auf der Landkarte den Lebenslauf eines Römers, der als Tribun in Dalmatien begann und als Verwalter kaiserlicher Güter in Tunesien endete. Dazwischen diente er sowohl in Britannien als auch im tiefsten Rumänien, wirkte an der Küste Judäas gleichermaßen wie in den Kastellen im Herzen Süddeutschlands.

War das Soldatenleben eine einzige große Reise rund um die damals bekannte Welt? Nun, wenn man es vom Standpunkt des gesicherten Arbeitsplatzes betrachtete, war das Leben bei der Armee ideal. Für viele Menschen war es die einzige Möglichkeit zu einem geregelten Gehalt zu kommen. Wie hoch dieses Gehalt war und was sich der müde Krieger damit kaufen konnte, ist in einigen Vitrinen recht anschaulich mit Münzen dargestellt. Allerdings war das Soldatenleben auch beschwerlich, wenn man sich mal vorstellt, dass der einzelne Kämpfer während den Märschen tatsächlich jeden Abend ein Marschlager bauen musste und am Morgen wieder auflöste. Wie solche Lager gebaut wurden zeigen Bilder von einem Römerfest, das jährlich auf dem Museumsgelände veranstaltet wird.

Gehen wir mal in das Obergeschoß. Dort herrschen in einem abgedunkelten Raum paradiesischen Zustände für Freunde von Zinnfiguren. Mehrere Dioramen zeigen Legionäre die gegen Elefanten kämpfen, während andere gerade auf der Jagd sind oder in einer Pferdestation die Wagen neu bespannen. Auch das Treiben vor und hinter den Limesmauern oder auf den landwirtschaftlichen Anlagen wird gezeigt. Die Landwirtschaft war natürlich ein sehr wichtiger Wirtschaftszweig im römischen Imperium und einige Laufmeter Vitrinen und Skizzen machen klar mit welchen Werkzeugen die Bauern von damals gearbeitet haben. Im Grunde genommen erinnern die Äxte und Sensen von damals doch sehr an jene Teile die noch heute auf den Dachböden unserer Bauernhöfe liegen. Neben so konkreten Dingen wie Hämmer, Sägen und Nägel gibt es auch etwas Statistik. So zeigen einige Diagramme wie sich die verschiedenen Haus- und Wildtiere in den Gutshöfen verteilt haben und welche Anteile die verschiedenen Getreide- und Gewürzsorten am täglichen Speiseplan hatten.

Bevor man das Museum wieder verlässt
sollte man noch auf ein paar unscheinbare Blätter gleich neben der Bastelstube für Kinder achten. Wer sich dort durch die übersichtlichen Folien blättert weiß hinterher einiges über die medizinischen Fähigkeiten der Ärzte in Rom und kann auch beim nächsten Klassentreffen dem alten Geographieprofessor erklären mit welchen Geräten und welchen mathematischen Überlegungen die römischen Geometer das Land in so hübsche Quadrate einteilten.

Apropos Bastelstube, für die Kleinen und für die Junggebliebenen gibt es noch die Möglichkeit sich gänzlich formlos in bereitgehaltene römische Gewänder zu kleiden und mal so richtig mit dem Kettenhemd eines Zenturios zu rasseln. Also, nicht vergessen einen Fotoapparat mitzunehmen, damit dieses aufregende Ereignis auch für die Nachwelt gesichert bleibt.

Alles in allem ist der Besuch des Museums sehr empfehlenswert. Die zahlreichen Schautafeln geben einen didaktisch gut aufbereiteten Überblick über das Leben der Römer, wobei versucht wird alle Facetten des militärischen und zivilen Zusammenlebens zu beleuchten.

Quellen / Weiterführende Links